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Was heißt leben? – Aber ich lebe ja garnicht, wie sollte ich mir diese Frage beantworten können! Das Leben, ein niedriger Wahn? Vielleicht. Auf jeden Fall lebe ich nicht, wie man lebt. Man lebt, indem man expandiert, sich in gewissem Sinne auslebt. Man Gründet eine Familie und hat einen erfolgreichen Beruf. Man steht seinen Mann. Man hilft somit, dass das Ganze expandiert. Ich lebe dagegen ganz primitiv. Mein Blut fließt. Ich sitze unter einem Baum und spüre mein Mitleben. Vögel zwitschern. Weiter lebe ich nicht. Ich bin quasi zeitlebens ein Rentner. Mir reicht mein weniges Leben, um das Kreuz auf den Gipfel zu tragen. Das ist es schon. Aber was das Leben ist, weiß ich bis heute nicht.

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Die Definition der Nation sollte sein: eine konkrete Gemeinschaft zur Erreichung höherer Ziele. Mein Vorschlag wäre: Friede, Wohlstand, Erleuchtung. Die Definition des Reiches sollte sein: Mehrere Nationen bilden das Ganze, das Wahre und Große.

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Mathematik, die vernunftmäßige genaue Berechnung, ist hoch problematisch. Das Ganze Feld scheint dem Satan zu gehören. Den Satan muss man sich vorstellen als einen, der ständig berechnet und Rechnungen serviert. Als einen der abmisst und bemisst. Am liebsten scheißt er auf den größten Haufen und selbst Jesus sagt, dass es nicht anders sein kann, denn wer hat, wird noch mehr bekommen. Kein Wunder, daß die ach so unschuldige Mathematik unser ganzes Weltsystem trägt. Man könnte daher dem Teufel eine Art Mitschöpfung zusprechen. Ohne ihn scheint garnichts zu gehen. Das Rechnen und berechnen ist insgesamt minderwertig. Das Rechnen ist reine Notdurft. Unsere großen Bankiers sitzen sprichwörtlich auf riesigen Töpfen und verrichten mathematisch ihre Notdurft. Wenn man in der Erleuchtung ist, besteht keine mathematische Berechnung mehr. Das Sein leuchtet dann quasi idiotisch. Doch die Welt reitet sprichwörtlich immer tiefer in die Scheiße.

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Wenn man Dichter wie Lenau liest, tritt man in eine ganz versunkene Welt ein in welcher die Wirtschaft und das Geld noch nicht alles verwüstet haben, quasi das alte romantische Deutschland. Man beschaut in der Tat eine Welt in der unser ganzes Gewusel garnicht vorhanden ist. Man betritt eine ganz andere Welt. Man muss es nur ganz in sich aufnehmen, um dann aristokratischer die Welt zu verachten. Bücher können einen sehr großen Nutzen als Speichermedium haben, wenn man nur richtig liest. Man nehme nur die Antike.

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Ich denke, daß die Zeit von 1914-2019 den Tiefpunkt des Abendlandes darstellt. Das dürfte nicht schwer zu erkennen sein, da alles höhere in dieser Epoche quasi abstürzt. Vielleicht ist es auch so, daß das Abendland eine solche Epoche durchmachen musste. Eine Epoche des schlichten Existierens, der Verwirtschaftlichung, des Sozialen und der Sinnleere. Es könnte aber auch sein, dass es das schon war und in diesem Jahrhundert nichts kommt. Dann geht das Abendland eben auf diese Weise unter. Mein kleiner Kahn, das ist kein Problem, ist voller Vorräte – auch aus der Vergangenheit – und wird an das andere Ufer gelangen. Im Zweifelsfall eben allein. So kann ich jedem nur eine gute Reise wünschen.

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Sonntagsgedanken. Wenn ich einen Choral in einer alten Kirche höre, wenn ich die alten Gräber in Kirchen sehe, wenn ich die alten Kathedralen bestaune, überkommt mich eine Übelkeit der Gegenwart gegenüber. Welche Größe der Vergangenheit! (Sagen wir die Vergangenheit bis 1830.) Goethe hat seinen Sterbezeitpunkt gut gewählt. Ich denke, daß mir das alte Abendland selbst mit dem Wahn Gott noch lieber ist als das heutige. Welche Größe der Vergangenheit. Das alte Abendland ein einziger großer Zug zum Heil. Und heute? Eine soziale Veranstaltung. Das sagt alles.

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Man muss sich diese Frage immer wieder stellen: Wohin führt uns die Vereinigung aus Bankiers und Großindustriellen? Die Frage nach dem Sinn des Lebens ist weder müßig noch unbeantwortbar. Man kann durchaus eine Antwort finden. Und so mancher müßte beschämt sein, wenn er zugeben müßte was (nur) der Sinn seines Lebens ist. Wohin werden wir also geführt? Vorerst einmal in ein vernünftiges Berufsleben, das der Steigerung des Wohlstandes aller dient. (Und dem Kapital den Mehrwert beschert!). So weit leben wir in einer relativ vernünftigen Comte´schen Welt. Wohin leben wir aber auf den Tod hin unabhängig vom sozialen Gesellschaftskörper? Darauf gibt es keine Antwort. Es gibt auch keine Antwort darauf, ob unser Zusammenleben mehr sein könnte als Wirtschaft und Wachstum. Wir könnten auch wieder eine Nation oder eine Gemeinde oder ein Reich zum Erreichen höherer Ziele sein. So wie das Abendland heute ist, könnte man ihm ruhig einen sanften Untergang wünschen. Werden wir dahin geführt? Ich ziehe es vor nicht mit unterzugehen.

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Wenn ich mich manchmal der Erleuchtung nähere, bin ich etwas melancholisch darüber, daß es Gott nicht gibt. Das  fühlt sich so an.